Samstag, 18. Februar 2012

die andere tante

gestern durfte ich die zweite schwester meiner mutter kennenlernen. während ich gerade am kochen war, läutete es an der haustür. tante erika. und sie brachte gleich noch ihre schwester karin mit. die, von der ich bisher nur horrorgeschichten erzählt bekommen habe. was ihr aussehen und ihren lebensstil betrifft. ich hatte mir eine total heruntergekommene frau vorgestellt, die nicht alleine lebensfähig ist, und nicht mehr aus dem haus geht, so richtig asozial. als meine mutter sie neulich mal besucht hat, bekam ich erzählt, dass sie total verfilzte, ungewaschene haare hatte, ganz krumm geht und so weiter und sofort...

ich hatte also mindestens den glöckner von notre dame erwartet, aber so verwahrlost kam sie mir gar nicht vor. die frisur war zwar grauenhaft (von tante erika geschnitten), aber sauber und ordentlich. und sie ging auch nicht wirklich krumm. nur verstehen konnte ich sie schlecht, weil die zähne fehlen und sie viel zu schnell redet. und sie hat mir sogar von sich aus die hand gegeben und auch mit mir gesprochen... so menschenscheu und asozial ist sie ja gar nicht, wenn sie sogar von sich aus kontakt sucht.

nun ist leider der lebensgefährte ins krankenhaus gekommen, und gestern hiess es, dass er wahrscheinlich gar nicht mehr rauskommen wird... für tante karin natürlich eine katastrophe, denn sie ist von ihm total abhängig, sehr unselbständig und ängstlich, sie traut sich nicht mal zum einkaufen und hat seit jahren keinen job, keine krankenversicherung und schmerzen, und der personalausweis ist seit 2 jahren abgelaufen. der mann will eigentlich, das sie auszieht, er erträgt sie nicht mehr...

mir tut sie immer nur leid, wenn wieder über sie hergezogen wird. und ich finde, ihr lebensgefährte hätte sich ruhig mal mehr um sie kümmern können. scheinbar ist sie ein schwieriger fall und lässt sich nichts sagen... aber ich glaube, sie wird einfach nur respektlos behandelt, allein, wie meine tante mit ihr redet... sie stottert, und dann motzt sie sie an, sie solle mal aufhören zu stottern.. als ob das ein stotterer mit absicht macht... und sie bekommt nur vorwürfe zu hören. der lebensgefährte meinte sogar zu meiner mutter, "man könne die nur noch in die tonne kloppen"...

sie ist wohl etwas zurückgeblieben (sonderschule), aber deshalb muss man sie noch lange nicht so behandeln. sie braucht nur mal ein wenig hilfe, damit sie wieder lernt, für sich selbst zu sorgen und auf sich aufzupassen.

nun ist die situation eingetroffen, von der ich neulich schon zu mama sagte, dass es wohl so kommen würde: wenn er es nicht schafft, sich von ihr zu trennen, wird es irgendwann so kommen, dass entweder er oder sie mal stirbt oder zumindest ins krankenhaus eingeliefert wird... tja, und nun kam es genau so, und während ich dies schreibe, ist der mann vielleicht schon verstorben... traurige sache, sowas, aber die beiden waren wohl kreuzunglücklich, und so hat er seine ruhe und sie die möglichkeit, ihr leben mal wieder auf die reihe zu kriegen...

und so sassen sie da bei mama auf dem sofa, unterhielten sich und lachten... sie lachten... da liegt einer im sterben, und die beiden tanten sind vergnügt... ich bin schockiert.

1 Kommentare:

Schokokäse hat gesagt…

Oha. Lachen an sich muss nicht verkehrt sein. Es kann auch ein Weg sein, mit einer solchen Situation fertigzuwerden. Aber so wie du davon berichtest, scheinen die das ja gar nicht richtig ernst zu nehmen und eher abfällig zu betrachten. Ich finde es auch immer wieder traurig, zu sehen, wie respekt- und würdelos manche mit anderen umgehen.

Fühle dich umarmt und gedrückt :-)